Check-in

1995 begann die Zeit des Vielfliegens, aber damals ahnte noch niemand etwas davon. Wir waren Studentinnen und immer auf der Suche nach einem lukrativen Nebenjob, um unser Studium zu finanzieren. Diesmal fragte uns jemand, ob wir nicht einige Tage am Flughafen Tegel arbeiten möchten. Der Job war einfach. Im Namen einer Fluggesellschaft mussten wir Äpfel an die Passagiere verteilen und ihnen auf diese Weise nahebringen, dass es auf Inlandflügen an Bord bald nichts mehr zu essen geben würde und die Passagiere sich lediglich im Gate-Bereich mit Kaffee, Keksen und eben Äpfeln versorgen könnten, um den sechzigminütigen Flug irgendwie zu überstehen. Wir sagten zu, obwohl uns ein wenig mulmig war, da wir äußerst ungern die Überbringerinnen schlechter Nachrichten sind.

Überraschenderweise nahmen die Passagiere diesen Schritt der Fluggesellschaft jedoch sehr ruhig hin und freuten sich über den Apfel. Wir schoben also drei Tage lang in Weiß gekleidet einen Wagen mit einem Berg Äpfel durch den Flughafen. Tegel ist ein kreisförmiges Gebäude. Die Gates liegen an diesem Kreis, ähnlich wie die Blumenblätter einer Sonnenblume. Egal in welche Richtung man geht, man dreht sich im Kreis. Bei Runde 700 etwa hörten wir jemanden unseren Namen rufen. Es war ein Freund, der gerade seine Doktorarbeit schrieb und mit einem Nebenjob am Flughafen das nötige Geld dafür verdiente. Wir schilderten ihm, dass wir seit zwei Tagen Passagieren mit einem Lächeln erklärten, dass sie bald in einen sauren Apfel beißen müssten. Prompt bot er uns an Ort und Stelle einen Job an: Wir sollten in seinem Team Passagierumfragen für den Flughafen durchführen.

Es war die perfekte Tätigkeit für uns. Wir mussten nur zweimal in der Woche arbeiten und hatten genug Geld zum Studieren. Unsere Zeit wurde planbar. Wir lernten viele Menschen kennen, die sich in einer ähnlichen Situation befanden wie wir: Freiberufler, Künstler, Studenten, Doktoranden, Menschen eben, die Geld brauchten, um ihre Ideen und Wünsche realisieren zu können. Für uns war klar, dass wir den Job nur vorübergehend machen würden, denn wir wollten uns nach unserem Studium ganz unserem Lebenstraum widmen. Evelyn als Schauspielerin und Julia als freiberufliche Journalistin und Filmemacherin. Das taten wir auch. Doch was den Flughafenjob betrifft, kam alles anders.

Sicherheitshalber arbeiteten wir weiter und immer weiter in Tegel, weiß man doch im künstlerischen Bereich nie, ob der nächste Auftrag kommt oder die nächste Idee verkauft werden kann. Ein großer Vorteil eines Nebenjobs am Flughafen war es auch, dass wir im Falle eines längeren Projekts problemlos einige Monate aussetzen konnten. Obwohl wir manchmal über Monate nicht in Tegel waren, sind wir immer wieder zurückgekehrt. Und sind bis heute dort – zwanzig Jahre, in denen wir lustige, traurige und einfach interessante Geschichten miterlebt oder gehört haben.

Schon bald wurden wir Teamleiter und koordinierten gemein- sam die Einsätze. Wir besorgten uns einen kleinen rollenden Businesskoffer, in dem alle Arbeitsgeräte und Utensilien für den Einsatz transportiert wurden. Wir wurden am Flughafen zu einer Art blinde Passagiere. Blinde Passagiere, die für die nächsten acht Stunden auf dem Boden blieben. Unsere Nachbarn wunderten sich. Einige fragten, wohin wir so oft reisen würden und wieso wir immer schon am selben Tag zurückkehrten. Wir gaben ihnen Antworten, die uns gerade einfielen. Das machte uns in ihren Augen nur noch mysteriöser.

Der Job wurde jedes zweite Jahr verlängert, und irgendwann waren wir uns sicher, dass es für immer so bleiben würde. Julia schrieb Artikel, drehte Kulturbeiträge fürs Fernsehen und Dokumentar- sowie Spielfilme, Evelyn spielte in Film und Theater. Der Job in Tegel aber war aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Der Flughafen und die Menschen, die dort arbeiten, die Passagiere, unser immer größer werdendes Team. Die Besucherterrasse, die Ansagen, der Kerosingestank. Die Rollkoffer, das Gedränge, der Cheeseburger-Geruch. Die Penner, die Flaschensammler, die Kaffeeverkäufer. Die Klofrauen, die blonden Damen von der Lufthansa, die brünetten von der Air France. Unsere Tage am Airport wurden unbemerkt eine Sucht. Wir wollten bleiben und waren fest davon überzeugt, dass wir eines Tages von hier zu Grabe getragen würden. Doch dass dieses Schicksal nicht uns, sondern, vor unseren Augen, den Flughafen treffen würde, damit hatten wir nicht gerechnet.

Der Termin stand fest. Nach mehreren Anläufen sollte am 3. Juni 2012 der Großflughafen Berlin BER eröffnet und gleichzeitig Tegel geschlossen werden. Langsam, fast unbemerkt legte sich eine Glocke der Traurigkeit über unseren Flughafen. Zuerst schloss der Supermarkt, wenige Wochen später die Post. Der März war bedrückend, der April fast unerträglich und im Mai hielten alle erschrocken den Atem an: Das sollte es gewesen sein? Dann schlug die Nachricht ein wie eine durch die Sicherheitskontrolle geschmuggelte Bombe. Drei Wochen vor der geplanten Schließung wurde offiziell bekanntgegeben, dass der BER nicht bereit sei, seine Passagiere zu empfangen, geschweige denn auf die Reise zu schicken. Neuer Eröffnungstermin wurde der 17. März 2013, und es gab viele Skeptiker (heute wissen wir, es waren Realisten), die über dieses Datum schmunzelten. Und recht behielten.

Die BER-Blamage versetzte Tegel in Euphorie. Plötzlich kam jeder glücklich zur Arbeit, die Menschen waren freundlich zueinander, Passagiere wie Mitarbeiter tänzelten durch die verstopften Gänge und lächelten einander wohlwollend zu. »Unser Tegelchen« hörten wir sie immer öfter sagen. Diese Galgenfrist führte dazu, dass jeder merkte, wie sehr er Tegel liebte. Und wir entschieden uns, die Galgenfrist dazu zu nutzen, die Seele Tegels und damit seine Geschichten festzuhalten.

Wir sind Schwestern und wir haben vieles gemeinsam gesehen und erlebt. Unser gemeinsames Auftreten ist auch am Flughafen schnell bekannt geworden – »die Zwillinge« werden wir genannt. Oder »die Espresso-Zwillinge«, weil wir immer gleichzeitig Espresso trinken. Für dieses Buch haben wir uns entschieden, ganz zu einer Person zu werden und als gemeinsames »Ich« zu schreiben. Denn es sind nicht nur Julias Geschichten und nicht nur Evelyns Geschichten.

Es sind unsere Geschichten.

Berlin, im August 2015

Julia und Evelyn Csabai

Dieser Beitrag ist eine Leseprobe aus dem Buch Letzter Aufruf Tegel! von Julia und Evelyn Csabai, © be.bra Verlag, Berlin, September 2015

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