Delikate Delikte – Teil 1

In den letzten Wochen bin ich auf eine neue Lautsprecheransage in Tegel aufmerksam geworden. Diese warnt vor Taschendieben und schärft Passagieren ein, dass sie gut auf ihr Gepäck aufpassen sollen. In den nächsten Beiträgen werden wir uns auf diese Delikte konzentrieren und der Sache nachgehen …

Am Flughafen wird viel geklaut. Fast täglich, sagt die Polizei. Es sind die Stoßzeiten, die besonders gefährlich sind, zwischen 7 und 10 Uhr morgens und zwischen 17 und 20 Uhr am Abend. Auch zu Ferienbeginn oder vor Weihnachten häufen sich die Delikte. Dann lohnt es sich besonders. Die Menschen haben mehr Bargeld oder teure Geschenke dabei. Geklaut wird meistens dort, wo besonders viel los ist: bei Langstreckenflügen oder vollen Ferienflügen. Je größer die Schlange, je voller der Flughafen, desto leichter ist es, jemanden anzurempeln und unbemerkt das Portemonnaie oder die Tasche zu entwenden. Am besten geht man davon aus, dass die Diebe jede Sekunde auf der Lauer liegen, um ihr nächstes Opfer abzupassen. Schließlich werden am Flughafen Tegel jährlich über 400 Delikte registriert.

Viele Airline-Mitarbeiter haben miterlebt, wie jemandem die Tasche geklaut wurde. Direkt vor ihrer Nase, am Ticketschalter oder am Check-in. »Eine Zeit lang waren richtige Banden tätig«, erzählt Robin, der seit Anfang der Achtziger am Ticketschalter arbeitet. Eines Tages stand ein Fluggast vor ihm, der gerade seine Reise umgebucht hatte. Da kam ganz langsam ein Mann vorbei, riss ihm plötzlich blitzartig seine Tasche von der Schulter und rannte los. Das Ganze passierte so schnell, dass der Passagier zuerst gar nicht begriff, wie ihm geschah. Doch Robin war auf Zack. Er rannte dem Dieb hinterher, raus aus dem Flughafengebäude und über die Straße. Er sah noch, wie der Mann in Richtung Parkdeck lief. Der Kunde war ihm gefolgt, und gerade als Robin den Dieb um ein Haar geschnappt hätte, brüllte der Bestohlene: »Halt! Stehenbleiben!« Das versetzte den Dieb in Panik. Er ließ die Tasche fallen, schaute sich um und setzte mit einem James-Bond-ähnlichen Sprung auf dem fünf Meter tiefer liegenden unteren Parkdeck auf. Und war entwischt.

Die winzige Dame trug einen eleganten Hut und einen etwas abgenutzten Pelzmantel, an dem sich die Spuren glamouröserer Zeiten gut erkennen ließen. Auch die zu ihrem Hut passende, ockerfarbene kleine Handtasche war schon in die Jahre gekommen, genau wie die Dame, die die Tasche jetzt entschlossen auf die Ablage des Check-in-Schalters ablegte. Sie war so klein, dass man sich über ihre feste Stimme wunderte, mit der sie ihrer Enkelin beim Eincheckprozedere unterstützte. »Geben Sie ihr bitte einen Fensterplatz auf der rechten Seite. Dann sieht sie Berlin noch einmal beim Abheben.« Die Enkelin war auf dem Rückweg nach Frankfurt – die Stadt, in der sie studierte. Sie besuchte ihre Oma selten, aber regelmäßig. Die beiden standen sich sehr nahe, wie die Mitarbeiterin am Check-in sofort erfuhr. »Ja, sie ist mein einziges Enkelkind, und ich habe zwei Jahre gespart, damit ich ihr jetzt die 3000 Euro schenken kann, mit denen sie sich jetzt ihr erstes Auto kaufen wird.« Die Enkelin zog sie verlegen lächelnd beiseite. »Omi, du musst das nicht jedem erzählen.« Als sie gebeten wurde, ihren Koffer auf das Gepäckband zu legen und ihr die Mitarbeiterin die Bordkarte und den Gepäckzettel überreichte, schrie die alte Dame auf: »Das Geld ist weg! Der Umschlag ist weg!« Alle starrten auf die Handtasche. Sie war offen. »Hier war nur der Umschlag drin. Alles andere ist im Reißverschlussfach. Das Geld ist weg! Das ganze Geld ist weg!«, schluchzte sie.

Lufthansa-Mitarbeiterin Sandra hat einen siebten Sinn für Diebe. Sie riecht sie förmlich. Egal, was sie gerade macht, ihr Blick wird magnetisch dorthin gelenkt, wo gerade jemand beklaut wird. Sie hat schon mehrere Diebe erwischt und identifiziert. Selbst die Polizei war von ihrer Erfolgsquote fasziniert und gab ihr eine direkte Telefonnummer, die sie beim kleinsten Verdacht sofort anrufen sollte. Und die Erfolgskurve der Polizei stieg mit dieser Maßnahme. Aber selbst Sandra staunte nicht schlecht, als sie an einem Dienstagmorgen plötzlich einen jungen Mann im Anzug, aber ohne Schuhe vor sich stehen sah. Er stotterte aufgeregt: »Man hat mir die Schuhe geklaut!« Der Mann war um 7 Uhr 32 mit dem Flugzeug aus Saarbrücken angekommen und auf dem Weg nach Istanbul. Er musste in Berlin umsteigen und hatte am Flughafen einen Aufenthalt von fast zwei Stunden. Bereits im Besitz einer Bordkarte, hatte er sich müde für ein kurzes Nickerchen auf die Heizung gelegt. Er stellte die Weckfunktion auf seinem Handy auf den Beginn der Boardingzeit ein, zog seine Schuhe aus und stellte sie nebeneinander vor die Heizung, legte seinen Kopf auf den Rucksack und hob ab in das Land der Träume – bis ihn sein Wecker anderthalb Stunden später auf dem harten Boden der Tatsachen landen ließ: Die Schuhe waren weg! Zwischen zwei Traumphasen hatten die auf Hochglanz polierten braunen Budapester den Besitzer gewechselt. Da ertönte die Ansage: »Wir bitten alle nach Istanbul gebuchten Passagiere ins Gate. Ihr Flug ist einstiegsbereit.« Der junge Mann wusste: Würde er jetzt Anzeige erstatten, verpasste er seinen Flug. So begab er sich in Richtung Gate 20 und kam mit dem Flug 1722 der Turkish Airlines auf Socken in Istanbul an.

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