Delikate Delikte – Teil 2

In den letzten Wochen bin ich auf eine neue Lautsprecheransage in Tegel aufmerksam geworden. Diese warnt vor Taschendieben und schärft Passagieren ein, dass sie gut auf ihr Gepäck aufpassen sollen. In den nächsten Wochen werden wir uns auf diese Delikte konzentrieren und der Sache nachgehen …

Gelegenheit macht Diebe, sagt man. Und Passagiere bieten durch ihre Unachtsamkeit viele Gelegenheiten. Bei einem Rundgang entdeckte ein diensthabender Polizist bei Gate 15 einen herrenlosen Gepäckwagen, auf dem sich ein offener Laptop befand. Er schaute sich um und machte niemanden aus, dem das Gepäck zu gehören schien. Etwas weiter weg sah er nur einen älteren Herrn, der mit dem Rücken zum Gepäckwagen telefonierte. Der Polizist schob den Wagen zum Check-in-Schalter und überprüfte, ob er irgendeinen Hinweis auf den Besitzer finden könnte. Schließlich bemerkte er einen Namen auf dem Laptop. Kaum ertönte die Suchansage, kam der telefonierender Herr auf ihn zu und fuhr ihn an: »Was machen Sie mit meinem Gepäckwagen?« Der Polizist antwortete: »Herrenlose Gepäckstücke sind eine Gefahr. Außerdem sollten Sie besser aufpassen. Irgendjemand wird noch Ihren Laptop klauen.« Der Herr war sichtlich empört, fragte den Polizisten, ob er nichts Wichtigeres zu tun hätte, und schob pikiert seine Sachen weiter. Als sein Rundgang zu Ende war, kehrte der Polizist an seine Dienststelle zurück. Kurz darauf klingelte es. Als er die Tür aufmachte, stand kein anderer vor ihm als der pikierte Herr von Gate 15. »Ich möchte Anzeige erstatten. Mein Laptop wurde mir geklaut!«

Viele Mitarbeiter warnen Kunden und Passagiere immer wieder, dass sie besser auf ihre Sachen aufpassen sollten. Die meisten Passagiere ignorieren diese Hinweise. So auch die chinesische Geschäftsfrau, die am Ticketschalter ihren Flug umbuchen wollte. Sie war mit zwei Rollkoffern, einer Handtasche und einer Laptoptasche unterwegs. Als sie zu der gerade frei gewordenen Mitarbeiterin an den Schalter trat, ließ sie die beiden Koffer einfach hinter sich mitten im Gang stehen. Robin, der nebenan am Schalter arbeitete, warnte: »Sie müssen auf Ihre Koffer achten. Hier wird sehr viel geklaut.« Doch die Chinesin winkte ab. Fünf Minuten später wiederholte Robin seine Bitte. Erneut winkte sie gelangweilt ab. Es war der Tag, an dem vor Robins Augen die Tasche weggerissen wurde. Es war der Tag, an dem Robin den Dieb verfolgt hatte, und er war deswegen besonders sensibilisiert. Als die Chinesin ihm wieder nur ihre kalte Schulter zeigte, entschied er sich, ihr eine Lektion zu erteilen. Er verließ den Ticketschalter, schnappte sich unauffällig die zwei Koffer, versteckte sie nur einen Meter entfernt hinter einer Säule und ging wieder an seinen Schalter. Von hier hatte er die Koffer gut im Blick. Zehn Minuten später bemerkte die Chinesin, dass ihre Koffer weg waren, und machte ein riesiges Theater. Robin lehnte sich zu ihr hinüber und sagte, er könne von seinem Arbeitsplatz aus gut sehen, dass hinter der Säule zwei Koffer stünden. Sie solle mal schauen, ob es nicht ihre wären. Die Freude der Geschäftsfrau war groß. Sie kam an den Schalter zurück, um die Umbuchung zum Ende zu bringen. Und ließ die zwei Koffer hinter sich stehen, mitten im Gang, genau an der selben Stelle wie zuvor.

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